Die Evangelikale Bewegung

Wo steht die evangelikale Bewegung? (idea 10.1.2007)
Eine Bilanz
des scheidenden Präses der Deutschen Ev. Allianz,
Peter Strauch

Ich bin aus Überzeugung ein Evangelikaler. Wer jetzt erschrocken zusammenzuckt, weil er dahinter einen militanten Christen vermutet, den kann ich beruhigen. Der frühere amerikanische Präsident Jimmy Carter gab vor einem guten Jahr ein Buch über Amerikas moralische Krise heraus, in dem er zwei Dinge nennt, für die ein evangelikaler Christ steht: Erstens ist für ihn die Bibel die verbindliche Autorität für Lehre und Leben und zweitens glaubt er, dass Erlösung nur durch persönliche Bekehrung und den Glauben an das Sühneopfer Christi möglich ist. Carter setzt sich in diesem Buch von christlichen Fundamentalisten ab, die aus Prinzip konservativ, politisch rechts und manchmal sogar militant sein sollen (was ich in den allermeisten Fällen für ein böses Gerücht halte). Allerdings sind diese Grundüberzeugungen evangelikaler Christen keineswegs neu. Schon Philipp Jacob Spener rief 1675 in seiner berühmten Pia Desideria zu einem Leben mit der Bibel und zum persönlich praktizierten Glauben auf. Deshalb ist es Unfug, wenn Kritiker der Evangelikalen meinen, ihr uneingeschränktes Vertrauen zur Bibel und die Betonung von Bekehrung und persönlichem Glauben sei gefährlicher amerikanischer Import.
Worauf es ankommt …
Nun mag es ja sein, dass der Begriff „evangelikal“ inzwischen vorbelastet ist und falsche Inhalte transportiert, ich hänge nicht daran. Doch die Sache selbst ist unverzichtbar und darf theologisch weder rational noch emotional aufgeweicht werden: Die Bibel ist der einzig unfehlbare Maßstab des Glaubens und des Lebens (Lausanner Verpflichtung), und es gibt nur einen Weg zur Rettung des Menschen: Jesus Christus. Dies haben wir liebevoll, aber unmissverständlich weiterzugeben, schließlich entscheidet sich alles daran. „Wer glaubt und getauft wird, der wird gerettet werden. Wer aber nicht glaubt, der wird verurteilt werden“ (Markus 16, 16). Jesus sagt das und nicht irgendein überspannter Evangelikaler. Daran haben wir uns zu orientieren, ob es dem Lebensgefühl unserer Zeitgenossen entspricht oder nicht. Damit das aber möglichst effektiv geschieht, brauchen wir ein erkennbares Zusammenstehen aller, die mit Ernst Christen sein sollen. Darum geht es, wenn ich hier von der evangelikalen Bewegung schreibe.
Kritik von „links“ und „rechts“
Doch genau hier liegt nach meiner Einschätzung auch das Problem. In meinem Arbeitszimmer finden sich zwei Ordner mit den Aufschriften: „Kritik von Rechts“ und „Kritik von Links“. In ihnen habe ich gesammelt, was ich in den vergangenen Jahren in der christlich/kirchlichen Presse über Evangelikale, die Evangelische Allianz und manchmal auch über mich selber fand. Nein, ich stecke Kritik nicht locker weg, aber das ist nicht der entscheidende Punkt. Die eigentliche Tragik liegt darin, dass sich gegenseitig kritisierende und rivalisierende Christen einer vernehmbaren eindeutigen Stimme berauben. Gerade das aber halte ich angesichts der aktuellen Herausforderung in unserem Land für verantwortungslos. Den linken Kritikern ist die evangelikale Bewegung meist zu eng. Sie verstehen sich zwar als Christen, wollen aber auf jeden Zusatz verzichten. Der Begriff „Evangelikal“ ist ihnen zu abgrenzend und zu kämpferisch. Im rechten Lager ist es genau das Gegenteil. Dort wird der aktuelle Weg der Evangelischen Allianz als ein Abdriften vom klaren Kurs der Väter gesehen. Und ist das nicht verständlich? Katholische und charismatische Kreise, von denen sich die Allianz-Väter vor 20 Jahren noch deutlich absetzten, scheinen inzwischen zur Mitarbeit bei den Evangelikalen willkommen zu sein. Diese Kritik trifft mich übrigens besonders hart. Sie kommt zum Teil von Brüdern und Schwestern, die für meinen geistlichen Weg prägend waren. Vor allem aber schaffen solche Stimmen Irritationen im Volk Gottes und rauben der evangelikalen Bewegung ihre identitätsfördernde und missionarische Kraft.
Kein Grund zur Resignation
Trotzdem, zur Resignation sehe ich keinen Grund. Stattdessen will ich einige Schritte nennen, die nach meiner Einschätzung für die evangelikale Bewegung in Deutschland notwendig sind.
1. Wir sollten uns auf das konzentrieren, was unsere gemeinsame Überzeugung ist.
Im Grunde sind es die reformatorischen Grundlagen, um die es hier geht: sola scriptura, solus Christus, sola gratia, sola fide (Allein die Schrift, allein Christus, allein die Gnade, allein der Glaube). Das klingt für evangelische Ohren selbstverständlich und sehr allgemein. Evangelikale Christen legen allerdings wert darauf, dass dies nicht nur gemeinsam bekannt, sondern auch persönlich gelebt wird. Deshalb rufen sie zur Bekehrung und zum persönlichen Glauben auf. Erst der Glaube lässt uns teilhaben an der Errettung durch Jesus Christus (Johannes 5, 24). Allein er ist auch die entscheidende Voraussetzung für die Einheit der Christen (Johannes 17,20 + 21). In den Glaubenden wohnt Gottes Geist (Johannes 7, 39), und durch ihn sind sie Kinder Gottes (Römer 8,9). Konsequenterweise heißt das auch, dass alle Glaubenden Geschwister sind. Wer das missachtet und nach anderen Kriterien (Kirchenzugehörigkeit, Sympathie, Tradition etc.) geistliche Einheit definiert, missachtet den Willen Gottes und stellt sich quer zu seiner Familie. Nach meiner tiefen Überzeugung ist es nicht uns überlassen, ob wir in Einheit als Gottes Familie leben und wer dazu gehört. Es mag uns nicht passen, dass Gott seine Kinder auch in jenen Kirchen hat, die uns eher fremd sind und deren Theologie wir für nicht biblisch halten, aber dafür trägt allein er die Verantwortung. Unsere Verantwortung ist es dagegen, der von Gott geschaffenen Einheit ein erkennbares und glaubwürdiges Gesicht zu geben.
Wir brauchen Unterschiede
2. Wir sollten begreifen, dass mit einer evangelikalen Bewegung weder unsere biblische Erkenntnis noch unser geistliches Profil auf der Strecke bleiben.
Ein Aufruf, der Einheit in Christus über Kirchen- und Erkenntnisgrenzen hinweg ein Gesicht zu geben, erscheint einigen als ein Aufruf zum Ungehorsam gegenüber Gott. Haben wir nicht gerade festgehalten, dass die uneingeschränkte Autorität des Wortes Gottes zu den wesentlichen Grundlagen evangelikaler Christen gehört? Keine Frage, so ist es. Aber wir können nur dann mit unserer biblischen Erkenntnis verantwortlich umgehen, wenn wir zwar einerseits entsprechend unserer Erkenntnis leben, sie aber andererseits nicht zum Maßstab für die Rechtmäßigkeit anderer Christen machen. Deshalb brauchen wir jeweils beides, das verbindliche Leben in einer Gemeinde, die unserer biblischen Erkenntnis entspricht (z.B. in der Tauflehre, dem Gemeindeverständnis und der Lehre über den Heiligen Geist), und das Zusammenstehen mit der Gesamtheit des Volkes Gottes im gemeinsamen Gebet und Zeugnis für die Welt. Das ermöglicht auch einen Raum für geistliche Profile, die uns wichtig sind, aber nicht von allen Evangelikalen geteilt werden. Selbst im pietistisch-evangelikalen Raum gibt es eine Vielzahl solcher Profile. Wir sollten sie weniger als Problem, sondern vielmehr als Reichtum sehen. Wer ganz unterschiedliche Menschen mit dem Evangelium erreichen will, braucht dazu auch ganz unterschiedliche Gemeinden. Hören wir also auf, biblische Erkenntnisse und Gemeindeprofile gegeneinander auszuspielen. Solange wir im Wesentlichen eins sind, können wir uns diese Weite leisten.
Zusammen mit der katholischen Kirche?
3. Wir sollten erkennen, welch eine Chance ein Geschwisterbund bietet.
Ich weiß, die Erklärung der Deutschen Evangelischen Allianz, nicht Kirchenbund, sondern Geschwisterbund zu sein, ist nicht unumstritten und wird international längst nicht von allen Allianzen geteilt. Aber der geschwisterliche Weg hat gegenüber dem institutionellen Weg einen großen Vorteil. Würden wir in Deutschland versuchen, auf evangelikaler Grundlage als Kirchen einen gemeinsamen Weg zu finden, so würde die Allianz vermutlich erheblich reduziert. Anders ist es, wenn Menschen im gemeinsamen Glauben an Jesus aus verschiedenen Kirchen zueinander finden. Da mögen Kirchenlehren trennen, aber in Christus ist jene Einheit erfahrbar, die menschlich nicht zu erklären ist (Ich weiß, wovon ich schreibe). Wer das konsequent zu Ende denkt, kann der Evangelischen Allianz nicht mehr ernsthaft vorwerfen, sie arbeite mit der Katholischen Kirche zusammen. Zwar arbeiten in ihren Reihen auch katholische Christen mit, aber zwischen Katholischer Kirche und Evangelischer Allianz gibt es keine institutionelle Vereinbarung zur Einheit. Ich schreibe das keinesfalls abwertend. Mir ist auch bewusst, dass es Arbeitsgemeinschaften zwischen Kirchen geben muss. Doch für die evangelikale Bewegung schafft der Geschwisterbund einen weiten Bewegungsraum.
Die wahren Hindernisse
4. Wir sollten ehrlich voreinander eingestehen, was die eigentlichen Barrieren unseres gemeinsamen Zeugnisses sind.
Nach meiner Einschätzung liegen die tiefsten Barrieren innerhalb der evangelikalen Bewegung aber nicht im theologischen Bereich. Manche ihrer Spannungsfelder haben mit Stolz und persönlichen Verletzungen zu tun. Ich schreibe das nicht verurteilend, sondern als einer, der mit betroffen ist. Zum Beispiel stehen freikirchliche Christen in der Gefahr, sich im Vergleich zu ihren landeskirchlichen Geschwistern dem Herzen Gottes besonders nahe zu fühlen. Zwar mögen die Zeiten vorüber sein, wo sich Freikirchen vor allem antivolkskirchlich definierten, trotzdem tragen sie manchmal ein elitäres Bewusstsein in sich, gewachsen auch durch manche Repressalien vonseiten der Volkskirchen in der Vergangenheit. Und ist es nicht auch so, dass landeskirchliche Christen sich im Vergleich zu ihren freikirchlichen Geschwistern hin und wieder als Glieder der richtigen und eigentlichen Kirche sehen, auf reformatorischer Grundlage mit Liturgie, Talar und Pfeifenorgel? Ich vergesse nicht, wie mich vor vielen Jahren bei einem Allianzgottesdienst der Pfarrer der gastgebenden Kirchengemeinde vor Beginn des Gottesdienstes in die Sakristei holte und mir zuflüsterte: „Jetzt ziehen wir ihnen erstmal was Richtiges an.“ (Gemeint war der Talar).
Auch wenn die evangelikale Bewegung kein Kirchenbund ist, Gemeinschaft in Christus wird nur dort wirklich erfahrbar sein, wo wir uns in gegenseitiger Achtung und Wertschätzung begegnen, auch was unsere kirchliche Zugehörigkeit und Mitgliedschaft betrifft. Das gilt ebenso zwischen pietistisch-evangelikalen und charismatischen Gemeinden. Pietisten und Bekenntnis-Evangelikale (oder wie immer wir sie nennen wollen) werden nicht müde, Charismatikern immer wieder neu die trennende Geschichte des frühen 20. Jahrhunderts einschließlich der Berliner Erklärung vorzuhalten, meist sehr verkürzt und undifferenziert. Andererseits treten Vertreter der charismatischen Bewegung manchmal auf und rufen Projekte ins Leben, als begänne erst mit ihnen die Kirchengeschichte. Nein, wir dürfen nicht unterschätzen, wie sehr Egoismen, Vorbehalte und Neidgefühle Keile ins Volk Gottes treiben. Wenn wir sie mit vermeintlich theologischen und geistlichen Gründen überdecken, sind sie nicht zu greifen und behindern eine gesunde geistliche Bewegung in unserem Land, die wir doch so dringend brauchen. Wir werden als evangelikale Bewegung nur wirklich weiterkommen, wenn wir den Mut haben, die wahren Hindernisse zu benennen – möglichst zuerst bei uns und nicht bei den anderen. Damit wird der Weg zur Vergebung frei.
Je mehr wir es lernen
Und auch das gehört zu meiner persönlichen Einschätzung: Weil der Geist Gottes Einheit schafft und Gottes Kinder zueinander führt, wird die Bewegung weitergehen, mit oder ohne uns. An manchen Orten ist das längst erkennbar. Ohne Organisationen und Dachverbände finden Christen zueinander, beten für ihren Ort, arbeiten missionarisch und mischen sich in das gesellschaftliche Leben ein. Aber meine Sorge ist es, dass dabei gerade jene Geschwister fehlen, die aufgrund ihrer Erfahrung und Reife im Glauben so dringend gebraucht werden. Wer Einseitigkeiten und Fehlentwicklungen christlicher Bewegungen beklagt, darf nicht vergessen: Manche dieser Bewegungen wurden in die Isolation gedrängt. Gerade auch deshalb werden an Jesus glaubende Menschen aus allen Lagern gebraucht, aus etablierten und ganz jungen Gemeinden, aus traditionellen und unausgereiften Bewegungen. Dabei habe ich eine erstaunliche Erfahrung gemacht: Je mehr wir es lernen, uns gegenseitig im Namen Jesu anzunehmen und gemeinsam auf ihn zu hören, desto offener können wir auch über das reden, was uns trennt. Und im Hören auf ihn öffnen sich dann auch gemeinsame Wege. Daran will ich weiter mitwirken, auch ohne den Vorsitz in der Deutschen Evangelischen Allianz.

( Peter Strauch, scheidender Präses der Deutschen Evangelischen Allianz )

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