55 Nationen in einer Gemeinde

Das Idea-Spektrum berichtet über das CLW-Bonn:  CLW
Die Zahl der Asylbewerber und Zuwanderer in Deutschland steigt ständig. „Seit Ende des 2.Weltkrieges hat Europa nicht mehr solche Flüchtlingszahlen erlebt“, erklärte Innenminister Thomas de Maizière (CDU) jüngst.
Deutschland rechnet bis zum Jahresende mit 200.000 Asylanträgen;
2012 waren es 77.600. Für Kirchengemeinden ist das Chance und zugleich Herausforderung.
Ein Bericht von Matthias Pankau.

Es hat etwas von der babylonischen Stimmenverwirrung, wenn im CLW-Bonn Gottesdienst gefeiert wird. Da wird chinesisch gesprochen, polnisch, russisch oder persisch. Dass die deutsche Predigt von Pastor Mario Wahnschaffe trotzdem alle verstehen, ist nicht in erster Linie dem Heiligen Geist zu verdanken, sondern den ehrenamtlichen Übersetzern, ohne die hier kein Gottesdienst laufen würde.
Christen aus derzeit 55 Nationen gehören zur Gemeinde, sonntags kommen in der Regel 500. Weil die Räumlichkeiten dafür nicht ausreichten, feiert die Gemeinde inzwischen zwei Sonntagsgottesdienste – um 9:30 Uhr und um 12 Uhr. Dank modernster Technik können bis zu zehn Dolmetscher gleichzeitig die Predigt übersetzen.

Alle Nationen dieser Stadt mit dem Evangelium erreichen
„Ja bei uns geht es lebendig zu“, sagt Wahnschaffe und lacht. Dabei war die Gemeinde nicht immer so international aufgestellt. Zwar lebten in der alten Bundeshauptstadt seit jeher Menschen aus aller Herren Länder. Und einige besuchten auch die Gottesdienste der Freien Christengemeinde CLW, die zum Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden gehört. „Aber wir waren lange Zeit eine deutsche Gemeinde, die sich edelmütig um die armen Ausländer gekümmert hat“, berichtete der 50-jährige Pastor. Das habe die Gemeinde jedoch in zwei „Klassen“ geteilt. 1996 habe er ein Schlüsselerlebnis gehabt, so Mario. Während einer Predigt bat er alle Anwesenden nach vorn, die nicht aus Deutschland stammten: „Und dann hatte ich den Eindruck, dass Gott mir sagt: Diese Menschen sind nicht durch Zufall hier. Sie sollen dieser Gemeinde helfen, alle Nationen dieser Stadt mit dem Evangelium zu erreichen.“

Seitdem habe sich die Gemeinde nachhaltig verändert: „Wir sind keine deutsche Gemeinde mehr, sondern internationale Geschwister, die ihre ganz unterschiedlichen Gaben und Hintergründe einbringen, um die Botschaft von Jesus Christus zu verbreiten.“ Das Vorbild für eine solch sprach- und nationen-übergreifende Gemeindearbeit sieht Mario im Neuen Testament – in der Gemeinde von Antiochia (Apostelgeschichte 11,20ff). Zu deren Leitung gehörten Christen ganz unterschiedlicher Herkunft. Die Gemeinde habe Missionare ausgesandt, um möglichst viele Menschen mit ihrer Botschaft zu erreichen. Ganz anders sei es in der Jerusalemer Gemeinde zugegangen, die nur aus Juden bestand und keine Vision für eine weltweite Mission hatte: „Die Jerusalemer Gemeinde starb, weil sie dem Missionsbefehl Jesu nicht gehorchte.“

Darf man weinen oder tanzen?  Die Freie Christengemeinde CLW-Bonn blüht. „Wir erleben keine Erweckung, aber wir wachsen kontinuierlich.“ Jedes Jahr kämen etwa 50 neue Gemeindeglieder hinzu. Dass es bei so viel Internationalität auch zu Reibungen kommt – daraus macht Mario keinen Hehl. So gebe es beispielsweise Debatten über die Kleidung im Gottesdienst oder darüber, wie man richtig betet – „ob es annehmbar ist für Gott, wenn wir dabei weinen oder tanzen“. Mario hält’s mit dem Apostel Paulus: Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten (1. Korinther 10,23). „Wenn Frauen im Gottesdienst ein Kopftuch tragen möchten, sollen sie es tun – so lange niemand Anstoß daran nimmt“, erläutert er. Neben den beiden Gottesdiensten gibt es 33 Hauskreise, mehrere Glaubenskurse und jede Menge diakonischer Angebote. So unterhält die Gemeinde etwa einen Kindergarten, eine überkonfessionelle Grundschule und zwei Essensausgaben für Bedürftige. Sie bietet Sprachkurse an und engagiert sich für Mädchen auf dem Straßenstrich. Die Internationalität sei da ein klarer Vorteil: „Bulgarinnen oder Polinnen etwa finden viel leichter einen Zugang zu den Frauen aus Osteuropa, die ihren Körper verkaufen müssen. Und unsere Geschwister aus Afrika kommen bei unseren Straßengottesdiensten auf unkomplizierte Weise mit arabisch sprechenden Muslimen ins Gespräch.“ All das könnte eine rein deutsche Gemeinde kaum leisten.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allianz veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.